Ich habe da mal ein paar Fragen an uns


von Corinne Hofmann März 12, 2018 1 Kommentar

Wie war das eigentlich, bevor wir diese innigen Streichel-Beziehungen zu diesen kleinen Gerätchen eingegangen sind?

Was haben wir gemacht, wenn wir alleine in einem Kafi sassen?
Haben wir den Duft des frisch gemahlenen Kaffees wahrgenommen? Zeitung gelesen? Das geschäftige Tun des Bar-Personals beobachtet? Einen draussen vorbei gehenden, hinreissenden Menschen gesehen und nicht den Mut gefunden, hinterher zu laufen? Über ein bevorstehendes Treffen nachgedacht? Im Geiste ein Gespräch geführt?

Was haben wir gemacht, wenn wir irgendwo Schlange stehen mussten?
Haben wir gesehen, dass der Mensch vor uns coole Schuhe trägt? Über den Traum der letzten Nacht nachgedacht? Unseren verspannten Rücken wahrgenommen? Gespürt, wie ungeduldig wir sind? Eine rührende Szene beobachtet?

Was haben wir gemacht im Wartezimmer eines Arztes?
Haben wir bewusst geatmet? Uns gefragt, was wohl die anderen Wartenden hierher führt? Über die eigene Endlichkeit nachgedacht? Uns gefragt, ob wir wirklich das Leben leben, das wir leben wollen? Einer verflossenen Liebesbeziehung nachgetrauert? Einen Entschluss gefasst?

Was haben wir gemacht, wenn wir im öV unterwegs waren?
Haben wir unser Vis-à-Vis wahrgenommen? Vielleicht sogar gelächelt? Ein Gespräch angefangen? Die vorbei ziehende Landschaft beobachtet? Vögel am Himmel gesehen? Ein Nickerchen gemacht?

Was haben wir gemacht in der Pause eines Meetings?
Haben wir über das eben Erlebte nachgedacht? Etwas aufgeschrieben? Etwas nachgelesen? Uns Gedanken darüber gemacht, ob das Meeting uns etwas bringt?

Was haben wir gemacht, wenn wir uns mit Jemandem getroffen haben?
Haben wir dem Anderen unsere 100prozentige Aufmerksamkeit geschenkt? Waren wir einfach entspannt da?

Wie erklären wir uns, dass diese Gerätchen einen dermassen breitflächigen Einzug in unsere Leben halten konnten?

Ist es der Wunsch nach Beziehung, auch wenn sie nur virtuell ist? Oder gerade darum - weil virtuell einfacher scheint? Oder ist es die sehnlich gewünschte Ablenkung vor unserem eigenen Innern, mit dem wir uns lieber nicht befassen wollen?

Warum sind diese Gerätchen attraktiver geworden, als ein menschliches Gegenüber?

Ich kenne die Antwort nicht.

Aber ich weiss, dass ich mir wünsche, dass wir uns wieder mehr in Fleisch und Blut begegnen. Im Kafi statt auf tinder. Im Migros statt auf facebook. Uns auf der Strasse anlächeln, anstatt dauernd Smileys in der Weltgeschichte herum zu schicken. Reden, statt Nachrichten hin und her zu tippen. All das, was uns als Menschen eigentlich ausmacht.

(Foto: Rührende Szene von ein paar Jugendlichen an einem See. Der auf dem Sprungbrett wollte den Salto lernen, die Anderen haben wild gestikulierend gezeigt, wies geht)
Repost vom Oktober 2016
Basierend auf diesem Text werde ich in Kürze den Offline-Stammtisch ins Leben rufen.



Corinne Hofmann
Corinne Hofmann

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1 Antwort

Karin
Karin

November 01, 2018

Danke Corinne, super schön gefragt… das waren noch schöne Zeiten und man muss sie wieder aktiv reaktivieren!

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